Wie wirkt Monochromie?



Prof. Dr. Susanne Marschall

Prof. Dr. Susanne Marschall



Freitag 26.09.
14.00 - 14.30 Uhr

in Hörsaal Orange


Abstract

Der Vortrag behandelt das Thema Monochromie in der Kunst- und in der Filmgeschichte unter kognitionswissenschaftlichen, technischen, dramaturgischen und ästhetischen Gesichtspunkten.

In den Anfängen der Filmgeschichte wurden Stummfilme nach dramaturgischen und emotionalen Kriterien monochrom eingefärbt. Die bereits belichteten Filmstreifen wurden in Farbbäder getaucht, da sich die mehrfarbige Handkolorierung für die immer länger werdenden Filme als nicht praktikabel und zu arbeitsintensiv erwiesen hatte. Dies ist auch die Phase der Etablierung bestimmter Konventionen wie zum Beispiel der monochrom blau eingefärbten Nachtszenen, die bis heute auf der Kinoleinwand als Stilmittel zu finden sind. Mitte der 1930er Jahre gestatteten Farbfilmverfahren wie Technicolor die Inszenierung vollfarbiger Kinospielfilme, aber die Geschichte der Monochromie im Film ist darum noch lange nicht beendet. Jetzt beginnt der gezielte Einsatz der Monochromie als Zeichen für Träume und Albträume oder für Glücks- und Angstzustände. Monochrome Bildkompositionen heben die dargestellten Inhalte als extreme emotionale Erfahrungen oder Grenzsituationen heraus, sie haben in der Farbdramaturgie einen Sonderstatus.

Darüber hinaus findet die Monochromie zu voller Ausdruckskraft im Experimentalfilm, der in der Regel nicht an eine naturalistische Bildinszenierung gebunden ist. Der britische Filmkünstler Derek Jarman reduzierte die Bildebene seines Abschiedfilms „Blue“ sogar auf einen einzigen Farbton, das besondere Blau des die Monochromie feiernden Malers Yves Klein. Auch in diesem Experimentalfilm visualisiert das monochrome Bild die Grenzerfahrungen des Filmkünstlers, der sich in „Blue“ mit seiner Krankheit und seinem baldigen Tod auseinandersetzt.

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Vita

(*1963) hat den Lehrstuhl für Film- und Fernsehwissenschaft am Institut für Medienwissenschaft der Eberhard Karls Universität Tübingen inne. Sie ist Direktorin des dortigen Zentrums für Medienkompetenz sowie Sprecherin  des neu gegründeten Tübinger Forschungszentrums für Animation. Sie studierte Deutsche Philologie, Komparatistik und Philosophie in Köln und Mainz und promovierte als Stipendiatin im DFG-Graduiertenkolleg „Drama und Theater als Paradigma der Moderne“ über Tanz und Körperdiskurse im Drama der Jahrhundertwende (TextTanzTheater, 1996). Sie lehrte und forschte nach der Promotion am Seminar für Filmwissenschaft an der  Johannes Gutenberg-Universität in Mainz und habilitierte sich dort mit einer Forschungsarbeit zur Bildästhetik des Kinos (Farbe im Kino, 1. Aufl., 2005, 2. Aufl. 2009). 2003 erhielt sie den Lehrpreis für exzellente Leistungen in der Lehre, 2012 wurde sie von der Zeitschrift Unicum zur Professorin des Jahres 2012 gewählt. Zahlreiche Veröffentlichungen zu Farbe, Licht und Bildkomposition im Film, zur Bildsymbolik im interkulturellen Vergleich, zum indischen Kino, zu TV Serien, Tanzgeschichte und Schauspielkunst, Dokumentarfilm, Wahrnehmungstheorie und Emotionsforschung, Mythentheorie und moderner Poetik. Autorin (gemeinsam mit R. Bieberstein und K. Schneider) der Filmdokumentation Lotte Reiniger – Tanz der Schatten (2012, Universität Tübingen, EIKON Südwest, arte). Ihre aktuell zentralen Forschungsschwerpunkte sind Licht, Farbe und Bildgestaltung im Film, die indische Film- und Medienkultur sowie das weite Feld der Animation.