Spektrale Revision – warum gibt es keine „echten Farben“ in Bildern?



Dr. des. Tim Otto Roth

Dr. des. Tim Otto Roth



Freitag 26.09.
11.30 - 12.00 Uhr

in Hörsaal Orange


Abstract

Nachts sind bekanntlich nicht nur alle Katzen grau, sondern auch der Blick in den nächtlichen Himmel war lange Zeit eine überwiegend scharzweiße Angelegenheit. Erst die Erfindung des Teleskops vor rund 400 Jahren brachte nicht nur die Gestirne näher, sondern ließ auch den Himmel bunter werden. Vor 200 Jahren machte Joseph Fraunhofer eine einschneidende Entdeckung, als er das Spektrum des Sonnenlichts mit seinem neuen Glasprisma genauer untersuchte und hunderte von dunklen Linien entdeckte. Lange Zeit blieb die Natur dieser Linien rätselhaft. Erst Robert Bunsen und Gustav Kirchhoff konnten 1859 in ihren Experimenten klären, daß die Linien von Elementen herrühren, die je nach Anregungszustand auf bestimmten Wellenlängen Licht emittieren, bzw. absorbieren. Diese Entdeckung revolutioniert nicht nur die Chemie, sondern begründete auch die Disziplin der Astrophysik, bei der die Farbanalyse es nun erlaubte, chemisch-physikalische Eigenschaften von weit entfernten Himmelsobjekten abzuleiten. Das damit implizit auch eine Relativierung des menschlichen Farbensehens einhergeht, darauf machte Charles Sanders Peirce 1878 in der Einleitung seiner photometrischen Untersuchung von Sternen aufmerksam. Während die Spektralanalyse zeigt, daß man für die meisten Farben eine Unmenge an Zahlenwerten benötigt, um diese genau zu beschreiben, so gestaltet sich die Darstellung von Farbe von physiologischer Warte aus als weitaus einfacher. Da wir nur über drei Farbsensoren verfügen, so empfinden wir Farben lediglich als die Summer dreier Werte – Farbe gestaltet sich als eine „triple sensation.“ Der Beitrag nimmt den daraus resultierenden besonderen Umgang mit Farbe in Bildern in Astronomie und Astrophysik zum Anlaß, um die Frage zu stellen, ob wir „echte Farben“ in Bildern überhaupt sehen können.

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Vita

Tim Otto Roth wurde 1974 in Oppenau im Schwarzwald geboren. 1994-1995 studierte er Politik- und Philosophie in Tübingen (D) und wechselte 1995 zum Studium der Freien Kunst an die Kunsthochschule Kassel (D). Nach seinem Abschluß wurde er 2001 zum Meisterschüler bei Floris M. Neusüss ernannt. 2004 folgt ein zweiter Abschluß in der Theorie der Visuellen Kommunikation. Im Winter 2014 verteidigte er erfolgreich seine Dissertation an der Kunsthochschule für Medien in Köln. Er lebt und arbeitet in Oppenau und in Köln. Sein Hauptwohnsitz ist nach wie vor im Schwarzwald.

Seit 2002 macht der Konzeptkünstler durch Großprojekte im öffentlichen Raum auf sich aufmerksam. Bei vielen seiner Projekte arbeitet er eng mit Naturwissenschaftlern (u.a. Max-Planck-Gesellschaft, KIT Karlsruhe, Hubble Space Telescop [NASA/ESA]) zusammen. Zahlreiche Auszeichnungen, u.a. 2004 Deutscher Lichtkunstpreis/ Lüdenscheid und Internationaler Medienkunstpreis/ SWR & ZKM Karlsruhe. 2009 Honorary Mention der Ars Electronica; Artist in Residence beim European Southern Observatory [ESO] und am CERN (CH). 2012 Gastmusiker am Institut für Musik und Akustik, ZKM Karlsruhe. Er zeigt seine Projekte an Museen wie dem ZKM Karlsruhe, dem MUMOK in Wien, der Bibliothek von Alexandria (EG) oder am American Museum of Natural History in New York. Zahlreiche theoretische Publikationen u.a. zu zellulären Automaten, Farbe in der Astronomie und Schattenbildern.