Experimentell erwiesen? – Kandinskys Farbenlehre am Bauhaus



Prof. Dr. Karl Schawelka

Prof. Dr. Karl Schawelka



Donnerstag 25.09.
12.00 - 12.30 Uhr

in Hörsaal Rot


Abstract

Wassily Kandinsky war zweifellos einer der bedeutendsten und einflussreichsten Künstler im Zwanzigsten Jahrhundert dessen Leistungen als Kolorist stets Anerkennung  erfuhren. Als langjähriger Lehrer am Bauhaus hat er aber auch direkt und indirekt starken Einfluss auf die Künstlerausbildung ausgeübt. Insbesondere wurde seine Farblehre eifrig rezipiert. Sein diesbezüglicher Unterricht, den er „Abstrakte Formelemente“ nannte,  war am Bauhaus lange Jahre für die Studenten der Grundlehre verpflichtend. Auch späterhin haben seine Ausführungen zur Farbe viele Künstler beschäftigt und bis heute nicht aufgehört sie zu inspirieren.

Die im Nachlass Kandinsky befindlichen Unterlagen zu seinem Unterricht am Bauhaus, die nunmehr nach 70 Jahren der Forschung uneingeschränkt zugänglich sind, erlauben es jetzt, den dort erteilten Farbunterricht ziemlich genau zu rekonstruieren. Die ältere Forschung kann damit präzisiert, ergänzt, erweitert, teilweise aber auch modifiziert werden.

In meinem Beitrag werde ich eine solche Rekonstruktion vornehmen, der sich eine kritische Würdigung anschließt. Es wird sich zeigen, dass zwar viele der Sachaussagen Kandinskys zumindest aus heutiger Sicht recht fragwürdig sind, jedoch die behauptete Gesetzlichkeit, Exaktheit und Wissenschaftlichkeit, kurz der von ihm verkörperte Habitus, den Erfolg der Lehre ausmachte. Der Stil musste eher Wissenschaftlichkeit suggerieren oder den entsprechenden Anschein erwecken als wirklich wissenschaftlich sein. Dies ist nicht verwunderlich, da Wissenschaft als Wissenschaft keine Wertaussagen trifft und keinen Stil begründen kann.

Zum Abschluss will ich kurz auf die Frage eingehen weshalb das Ordnungsversprechen des Kandinskyschen Unterrichts bzw. des von ihm verkörperten Stils angesichts der sozialpsychologischen Situation in der chaotischen Zeit der Weimarer Republik mit Arbeitslosigkeit, Weltwirtschaftskrise und bürgerkriegsähnlichen Zuständen für viele seiner Studenten und Bewunderer besonders attraktiv war.

Zur Programmübersicht

Vita

Karl Schawelka (*1944) hat nach einem Studium der Malerei (1964-69) in Nürnberg und Kunsterziehung (1969-71) in München ein Studium der Kunstgeschichte  (1971-77) in München und Paris absolviert. Die Promotion mit der Arbeit „Studien zur Kunsttheorie von Eugène Delacroix“ erfolgte 1978 in München. Anschließend (1978-1988) war er wiss. Ass. an der TU München und wiss. Ang. an der Universität Erlangen. Seit 1988 lehrte er als Vertretungsprof. bzw. seit 1990 als Prof. für „Kunstgeschichte der Moderne“ an der Universität Kassel. Die Habilitation mit der Schrift „Quasi una musica : Untersuchungen zum Ideal des ‚Musikalischen’ in der Malerei ab 1800“ erfolgte 1990 an der TU München. Von 1993  bis zur Versetzung in den Ruhestand 2010 lehrte er „Geschichte und Theorie der Kunst“ an der Fakultät Gestaltung der Bauhaus-Universität Weimar, der er mehrfach als Dekan vorstand. Von 2002-2007 war er erster Vorsitzender des deutschen Farbenzentrums e.V.Karl Schawelka lebt und arbeitet in Weimar. Seine wiss. Schwerpunkte sind: Farbe und Wahrnehmung, Kunsttheorie, Kunst der Gegenwart, Kunst im öffentlichen Raum.