(Er)leben wir eine Entmaterialisierung der Farben? Zur Entwicklung und Neudefinition von Farbstandards im Kontext neuester digitaler Farbwelten



Dr. André Karliczek



Donnerstag 25.09.
12:30 - 13.00 Uhr

in Hörsaal Orange


Abstract

Eine Entmaterialisierung der Farben? Natürlich ist Farbe eine Empfindung und als solche streng genommen nie eine feste Eigenschaft eines bestimmten Körpers. Was wir als Farbe wahrnehmen ist in der Regel Licht einer gewissen Wellenläge, die nur für uns Menschen – und auch hier nur für die Normalsichtigen – als Reizmuster in einem neuronalen Netz als Farb-Empfindung Bewusstsein erlangt. Es scheint daher folgerichtig, dass moderne Farbstandards wie CIE-Lab dann auch auf der Farbempfindlichkeit von Probanden gründen. Dabei ist die Entwicklung derartiger Farbstandards ein Resultat einer Geschichte der Farbwahrnehmung, die in der Vorstellung von den Farben als genuine Eigenschaften der Naturkörper ihren Ausgang nimmt. Hier setzt das Referat an. Dabei wird zu zeigen sein, dass der Wahrnehmungsprozess bis heute als weitgehend raum- und zeitunabhängig verstanden wird, was vor dem Hintergrund einer einerseits ontogenetischen Entwicklung des Farbsehens, andererseits aber vor allem auch im Hinblick auf die Umgestaltung unser Farbumwelt in einer zunehmend digitalen Farbwelt kritisch zu hinterfragen sein wird.

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Vita

Dr. André Karliczek ist seit 2014 Mitarbeiter am BMBF Projekt ‚Farbe als Akteur und Speicher. Historisch-kritische Analyse der Materialität und kulturellen Codierung von Farbe‘. Er studierte Wissenschaftsgeschichte, Ur- und Frühgeschichte und biologische Anthropologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena und promovierte als Stipendiat der Gerda Henkel Stiftung mit einer Dissertation zum Thema „Modelle des Lebendigen. Interaktionen von Physiologie, Biologie und Pathologie von Boerhaave bis Meckel“. Er war u.a. 2009-2011 Mitarbeiter am SFB 482 ‚Ereignis Weimar-Jena. Kultur um 1800‘, 2008-2009 Mitarbeiter im ‚Laboratorium Aufklärung‘ und am ‚Ernst-Haeckel-Haus‘ in Jena. Seit 2006 ist er zudem als freiberuflicher Berater und Designer in der Agentur für Informationsästhetik ‚JUSTORANGE‘ tätig. Seine wissenschaftlichen Schwerpunkte sind Farbstandards in den frühen Wissenschaften, medizingeschichtliche Theorien des 18. und frühen 19. Jahrhunderts sowie experimentelle Wissenschaftsgeschichte.


Publikationen (Auswahl)

Vogt, Margrit/Karliczek, André (Hg.): Erkenntniswert Farbe. Berlin 2014.

Karliczek, André: Az ember a normának megfelelő és normától eltérő között. A szaporodás és a születési rendellenességek a preformációtan tükrében (dt.: Der Mensch zwischen Norm und Abnorm. Fortpflanzung und Missbildung im Spiegel der Präformation), in: DEZSŐ, GURKA (Hg.): Egymásba tükröződő emberképek. Az emberi test a 18-19. századi filozófiában, medicinában és antropológiában. Budapest 2014.

Karliczek, André: Die Bemessung des Himmels. Das Cyanometer des Horace-Bénédict de Saussure, in: Breidbach, Olaf/Berg, Gunnar/Grieshaber, Arved et al. (Hg.): Ueber die Natur des Lichts und die Farbe Blau in der Romantik. Halle 2013.

Breidbach, Olaf/Karliczek, André: Himmelblau - Zur Konstruktion, Rekonstruktion und Rezeption des Cyanometers von Horace-Bénédict de Saussure, in: Sudhoffs Archiv 95, 2011, S. 3-29.

Breidbach, Olaf/Klinger, Kerrin/Karliczek, André (Hg.): Die Natur im Kasten. Lichtbild, Schattenriss. Umzeichnung und Naturselbstdruck um 1800. Jena, 2010.