Ein subversives Medium? Zur subkutanen Wirkung der Farben in Kubricks Film „A Clockwork Orange“



Prof. Dr. Jürgen Müller



Freitag 26.09.
11.00 - 11.30 Uhr

in Hörsaal Orange


Abstract

Es scheint, als würde kein Medium der Bildgeschichte ein so umfassendes Repertoire zur Generierung von Wahrnehmung, Wirklichkeit und perzeptiver Täuschung bieten wie der kinematografische Film. Was sehen wir, wenn wir sehen oder vielmehr wo liegen die Grenzen unserer Wahrnehmung auch jenseits physiologischer Determiniertheit? Unsere heutigen filmischen Sehgewohnheiten sind darauf konditioniert, vierundzwanzig Einzelbilder in der Sekunde bei einer festgelegten Laufgeschwindigkeit als Abbildung der Realität wahrzunehmen. Wird in eine solche Abfolge von Bildern ein einzelner Frame montiert, bleibt dieser nahezu unsichtbar. Erst wenn zwei oder drei Frames montiert werden, erhält der Zuschauer den Eindruck, etwas gesehen zu haben, ohne jedoch zu wissen, was genau es war. Es handelt sich hierbei um das Phänomen subliminaler bzw. semisubliminaler Bilder, die kaum bzw. extrem kurze flashartige Eindrücke beim Zuschauer hinterlassen. Als ein ironisches Manifest subliminaler Bildästhetik soll Stanley Kubricks „A Clockwork Orange“ analysiert werden.

Kubrick inszeniert das Geschehen vor dem Hintergrund einer raffinierte Farbregie, so repräsentieren die permanent wiederkehrenden Primärfarben Rot und Blau auf Grundlage von Friedrich Nietzsches „Geburt der Tragödie“ das Dionysische und das Apollinische, einen Unterschied, den der Philosoph als konstruktiv für das Menschsein erachtet. Das Rot repräsentiert die Emotionalität, sozusagen den Rausch der Farbe, wohingegen Blau als Ausdruck für das Apollinische, Aktive intendiert ist. Nicht nur die Hauptperson des Filmes Alex wird einer Verhaltenskonditionierung mittels farbig-emotionaler-subliminaler Bilder unterzogen, auch dem Zuschauer wird indirekt die physiologische und psychologische Determiniertheit seines Wahrnehmungsapparates und dessen Manipulierbarkeit vor Augen geführt.

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Vita

Prof. Dr. Jürgen Müller studierte von 1982 bis 1989 Kunstgeschichte, Germanistik und Philosophie an den Univeristäten Bochum, Münster, Paris, Pisa und Amsterdam. 1991 promovierte Müller an der Ruhr-Universität Bochum mit „summa cum laude“. Von 1986 – 1990 übte er seine Mitarbeit (Auf- u. Abbau, Führungen) im Rahmen von Werkverträgen bei Ausstellungen der Villa Hügel/Essen: „Barock in Dresden“; „Prag um 1600“; „Petersburg um 1800“ aus. 1989 arbeitete Müller als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Ruhr-Universität Bochum im Rahmen der Ausstellung: „Vergessene Zeiten – Das Mittelalter im Ruhrgebiet“ bei Prof. Dr. Ferdinand Seibt. 1999 – 2000 Ausstellungsleitung: „Der Ball ist rund“ im Gasometer/Oberhausen. 2002 erwarb er seinen Ruf an die TU Dresden als Ordinarius für Mittlere und Neuere Kunstgeschichte